Prof. Dr. Martin Brüne

Forschungsschwerpunkte

Prof. Dr. med. Martin Brüne, Psychiatrie, LWL Universitätsklinikum Bochum


Mein Forschungsinteresse richtet sich auf die Soziale Kognition bei Patienten mit psychischen Störungen und in welcher Weise die Soziale Kognition die soziale Interaktion und interpersonelles Verhalten beeinflusst. Unter Sozialer Kognition versteht man unter anderem die Fähigkeit, Gefühle in Gesichtsausdrücken, Körperhaltung oder der Stimme erkennen und interpretieren zu können. Darüber hinaus gehört zur Sozialen Kognition die Wahrnehmung zwischenmenschlicher Beziehungen, etwa Verwandtschaftsverhältnisse, sowie die Fähigkeit, sich eigene und die psychischen Vorgänge anderer Personen vergegenwärtigen zu können, etwa in Bezug auf Vermutungen, Annahmen, Wissen, Absichten, Wünsche und Gefühle. Diese, auch unter dem Stichwort „theory of mind“ bekannt gewordene, Fähigkeit habe ich mit meinen Mitarbeitern in der Vergangenheit mittels einfacher gezeichneter Bildergeschichten bei Patienten untersucht. Seit einiger Zeit haben wir begonnen, Paradigmen aus der Neuroökonomie zu verwenden, um (virtuell) zu untersuchen, wie Patienten mit psychischen Erkrankungen auf Fairness bzw. Unfairness reagieren und inwieweit sie in der Lage sind, mit anderen zu kooperieren und auf Gegenseitigkeit basierendes Vertrauen aufzubauen. Unser Ziel ist, Aufschlüsse darüber zu gewinnen, wie Soziale Kognition mit Bindungsstilen oder der Wirkung von Neuropeptiden wie Oxytozin interagiert und wie diese Vorgänge elektroenzephalografisch oder in der funktionellen Bildgebung abgebildet werden können.
Ein weiteres Interesse bezieht sich auf die neuroanatomische Untersuchung der von Economo Neurone an Gehirnen von Patienten, die an einer psychotischen Störung gelitten haben. Die von Economo Neurone sind eine stammesgeschichtlich jüngere Nervenzellart, die im Laufe der menschlichen Evolution erheblich an Größe und Dichte im sogenannten anterioren zingulären Kortex und der vorderen Inselregion zugenommen haben. Die von Economo Neurone sind funktionell möglicherweise an sehr komplexen kognitiven und emotionalen Prozessen beteiligt.
Schließlich haben wir kürzlich angefangen, die Wirkweise von Oxytozin auf die Soziale Kognition bei Patienten mit psychotischen Störungen und Persönlichkeitsstörungen zu untersuchen. Oxytozin ist ein körpereigenes Hormon, das für seine Verwendung in der Geburtshilfe bekannt ist. Seit einiger Zeit befassen sich Forscher vor allem auch mit der Wirkung von Oxytozin auf Empathie und Vertrauen, so dass diese Substanz auch großes Interesse hervorgerufen hat im Hinblick auf ihren möglichen therapeutischen Nutzen bei neuropsychiatrischen Störungen wie Autismus, Schizophrenien, oder Angsterkrankungen.

Die Forschung meiner Arbeitsgruppe ist theoretisch in einen breiteren interdisziplinären Kontext eingebettet, der versucht, evolutionäre Gesichtspunkte der menschlichen Entwicklung in Bezug auf psychopathologische Zustände in den Mittelpunkt zu stellen. Dies erscheint auf den ersten Blick wenig logisch, da psychische Erkrankungen ja keinen Anpassungswert an sich haben können. Wenn man jedoch annimmt, dass psychische Erkrankungen lediglich quantitativ, nicht aber qualitativ verschieden sind von psychischer Gesundheit, wird verständlicher, wie die Äquivalente im Gesunden zu Symptomen, Syndromen oder Störungsbilder unter dem Blickwinkel ihrer stammesgeschichtlichen Entstehung analysiert werden können.
Die evolutionäre Perspektive umfasst auch die Untersuchung psychischer Krankheiten bei nicht-menschlichen Primaten, besonders bei den Menschenaffen, die in Gefangenschaft oft eine langjährige Traumatisierung erlebt haben, etwa durch eine frühe Trennung von der Mutter oder anderen Artgenossen. Diese uns stammesgeschichtlich sehr nahestehenden Tiere sind in ihrem Verhalten beinahe so komplex wie wir selbst und manche von ihnen benötigen eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung, die wiederum Rückschlüsse auf unsere eigene Sozialisierung und Bedürfnisse für psychische Gesundheit ermöglicht.